Rund 17,6 Millionen Menschen in Deutschland verfolgten am 01. September 2013 ab 20.00 Uhr das Kanzlerduell zwischen der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer
Peer Steinbrück. Jeder Dritte Deutsche benutzt ein zweites Endgerät (Second Screen) während des Fernsehens dazu, sich Informationen zur Sendung zu beschaffen oder sich in Online-Communities über dieSendung zu unterhalten. Ziel der folgenden Studie ist es, diese parallel stattfindende Echtzeitkommunikation durch einen Vergleich der beiden Platformen ‚Live Blog‘ und ‚Twitter‘, näher zu untersuchen. Dabei sind vor alolem die dargestellten Informationen vor dem Hintergrund des Live-Charakters der Plattformen und die Qualität der politischen Diskussion in den Kommentaren bzw. Tweets von interesse.

Methode

Dafür wurde eine vergleichende sequenzielle Inhaltsanalyse durchgeführt. Der Zeitraum der Datenerhebung liegt am 1. September 2013 zwischen 20.15 und 22.30 Uhr. Innerhalb dieser Zeit werden auf Twitter 8080 Tweets erhoben, die durch die Erwähnung relevanter Hashtags (#merkel, # steinbrueck, #tvduell) einen direkten thematischen Bezug zum medialen
Ereignis des Kanzlerduells aufweisen. Auf Seiten der Live Blog-Kommunikation wurden alle Live Blogs ausgewählt, welche auf den Webseiten veröffentlicht wurden, die im September 2013 zu den 50 am häufigsten aufgerufenen deutschen Webseiten zählten und zudem eine Kommentarfunktion aufwiesen. Dabei handelt es sich schlussendlich um sechs Live Blogs (bild.de, spiegel.de; welt.de, sueddeutsche.de, faz.net, zeit.de) Aus den erhobenen Tweets wurde eine Zufallsauswahl von 1000 Tweets und aus den Live-Blog-Beiträgen eine systematische Auswahl von jeweils zwei Beiträgen pro Minute gezogen.

Ergebnisse

Ergebnisse zeigen, dass sich die Kommunikation auf Live-Blogs den Ereignissen und Themen des TV-Duells orientieren. So beziehen sich 81 Prozent der Twitter-Kommunikation beziehungsweise fast 93 Prozent der Kommunikation auf Live Blogs während des Kanzlerduells durch allgemeine Beschreibung des Ereignisses auf selbiges. Berücksichtigt man den Live-Charkter beider Plattformen, so liegt es zusätzlich nahe, diese Sach- und Themenzentrierung in Sequenzen zu betrachten. Das bedeutet, dass der Bezug auf die Sache oder auf ein Thema auch enger gefasst werden kann. Nämlich nur dann gezählt wird, wenn sich beispielsweise ein Tweet, der um 20:20 Uhr abgesetzt wurde auch auf eine Sache oder ein Thema aus dieser Sequenz des TV-Duells bezieht. Hierbei ist ein Unterschied zwischen Twitter und Live Blogs auszumachen, da die Beiträge auf Live Blogs häufiger (Live Blog: 46,7, Twitter 17,6 %) ein sachpolitisches Thema einer entsprechenden Sequenz zum Gegenstand haben.

In der Diskussion auf Twitter findet sich ein stärkerer Bezug zum Ereignis selbst (68,3 %; Kommentare: 56,1 %) während in den Kommentaren auf Live-Blogs häufiger die Meinungen und Aussagen anderer Nutzer aufgegriffen worden sind (41,5 %; Twitter: 17,8 %). Grund dafür könnte das langsamere Tempo der Diskussion in den Kommentaren, wodurch der Überblick im Vergleich zu Twitter, leichter fällt.

Argumentationsgrad von Kommentaren auf Liveblogs im Vergleich mit Twitter-Kommunikation | eigene Darstellung
Argumentationsgrad von Kommentaren auf Liveblogs im Vergleich mit Twitter-Kommunikation | eigene Darstellung

Beim Vergleich des Argumentationsniveaus zeigen sich für Twitter und Live BlogKommentare ebenfalls Unterschiede. Auf Twitter finden sich mehr unbegründete Behauptungen, die logisch nicht nachvollziehbar waren und keinen Bezug zum Ereignis aufwiesen, als in den untersuchten Kommentaren (Twitter: 28,4 %; Kommentare: 13 %). Das gleiche trifft auf die Anzahl der unbelegten, jedoch logisch nachvollziebaren und ereignisbezogenen Kommunikate zu, die bei den Live Blog-Kommentaren ebenfalls häufiger vertreten waren. Im Gegensatz dazu war jedoch die Anzahl der mit Quellen oder Zitaten belegten Argumente auf Twitter höher.  Der größte Teil der Tweets (93,1 %) und der Kommentare (93,1 %) wurde als „höflich“ eingestuft und die neutrale Form der Stereotypisierung fand in beiden Fällen nur selten statt (Twitter: 14,3 %; Kommentare: 6,1 %).

Zusammengefasst findet auf beiden Plattformen eine Form der Diskussion statt, die diskursive Elemente beinhaltet, ihre Ausprägungen unterscheiden sich jedoch. Während die Inhalte der Kommentare flüssiger und ihre Argumentation logischer ist findet sich auf Twitter eine stärkere Egalität und eine größere Anzahl untermauernder Fakten für die Argumentation. Ursache dafür ist teilweise die unterschiedliche Struktur der beiden Plattformen.

 

Bild

Marisa Allegra, Twitter HQ: Logo artwork (hier)

10/11/2017